Innenstadtentwicklung: Unsere grünen Ideen zur Fußgängerzone

Spätestens, wenn im September 2022 die Bindungsfrist der Fördermittel für die Fußgängerzone in der Wilhelmstraße ausläuft, wird es wieder eine Diskussion darum geben, sie für den Autoverkehr zu öffnen. Einen ersten Vorstoß gab es jetzt schon in der Stadtverordnetenversammlung. Als Wriezener Grüne setzen wir uns jedoch massiv für den Erhalt der Fußgängerzone ein und stellen eigene Ideen für eine Weiterentwicklung der Innenstadt vor.

Von Steffen Blunk

Wir sprechen uns massiv gegen eine Öffnung der Wilhelmstraße für den Autoverkehr aus – aber warum? In erster Linie fehlt uns ein schlüssiges Konzept für eine zukunftsfähige Entwicklung der Wriezener Innenstadt. Da ist die Wilhelmstraße jedoch nur ein, wenn auch wichtiger Teil des Ganzen.

Abendstimmung in einer verweisten Fußgängerzone. Lebendiger würde sie nicht, nur weil hier jetzt noch Autos stehen würden.

Das wichtigste Argument der Befürworter von Autoverkehr in der Wilhelmstraße ist ja, dass der Einzelhandel erst durch die Einrichtung der Fußgängerzone gestorben sei und nun wiederbelebt werden könnte.

Das aber ist ein prinzipieller Trugschluss. Denn der Einzelhandel kämpft in Kleinstädten auch überall da um das nackte Überleben, wo Autoverkehr erlaubt ist. Vielmehr ist es zum einen der Online-Handel, der massiv Kaufkraft bindet und immer noch mehr binden wird, zum anderen die sogenannte Grüne Wiese, also Einkaufszentren jenseits der Innenstädte.

Auch wenn wir im klassischen Sinne keine „Grüne Wiese“ vor den Stadttoren haben, können wir die zum Beispiel die Lage von REWE-Markt, LIDL und NETTO durchaus mit der Grünen Wiese vergleichen, ziehen die Märkte doch die Kunden aus der Fußgängerzone ab. Und da entwickelt sich gerade eine aus unserer Sicht dramatische Dynamik:

Auf der einen Seite haben wir schon leerstehende Einzelhandelsflächen bei dem REWE-Markt in der Freienwalder Straße 51. Zum anderen beantragt der LIDL-Markt in der Frankfurter Straße 11 gerade eine Markterweiterung und will zwischen LIDL und Getränke Hoffmann ebenfalls Einzelhandelsflächen schaffen. Insgesamt entstehen hier also weitere 1200 qm Einzelhandelsfläche.

ALDI will direkt neben diesen LIDL ziehen, so dass dort drei Discounter, ein Getränkemarkt und neu entstehende Einzelhandelsflächen sein sollen. Es kommt noch schlimmer, denn gerüchteweise sucht Edeka – momentan der letzte Magnet für die Wihlemstraße – ebenfalls nach neuen, größeren Flächen. Niemand kann doch noch ernsthaft glauben, dass sich die Fußgängerzone durch die Öffnung für Autoverkehr beleben lässt? Und was für ein Leben sollte das sein?

Statt also einerseits jetzt im Blindflug Markterweiterungen zu genehmigen und andererseits Autos wieder in die Fußgängerzone zu leiten, müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie die Einwohnerentwicklung in den kommenden Jahren sein wird, wo Wohngebiete entstehen und wo wir dementsprechend Nahversorgungsmöglichkeiten brauchen. Da kann eine LIDL-Erweiterung der richtige Weg sein, muss aber nicht. Das muss erst einmal genau untersucht werden.

Kommt beispielsweise die Wriezener Bahn, wird die Bevölkerungsentwicklung eine ganz andere, positivere, sein als ohne den Bahnanschluss. Sinken aber die Einwohnerzahlen, kannibalisieren sich die Discounter- und Einzelhandelsflächen weiterhin und noch mehr gegenseitig. Das führt zu weiterem Leerstand in der ganzen Stadt.

In Bezug auf die Wilhelmstraße sollten wir uns von alten Vorstellungen einer Bummelmeile mit Einzelhandel im Sinne von Bekleidungsgeschäften oder ähnlichem lösen und stattdessen neue Konzepte entwickeln. Die Fußgängerzone ist an sich eine attraktive Anlage, ohne dass wir derzeit wirklich etwas daraus machen.

Denkbar wäre aus unserer Sicht etwa, dass man verstärkt generationenübergreifendes Wohnen fördert, und die Straße sowie den Marktplatz ganz gezielt zu einer hochwertigen Verweilzone ausbaut. Die leerstehenden Geschäftsflächen sollten noch stärker auf die Bedürfnisse einerseits älterer Bewohner, andererseits junger Familien ausgerichtet werden. Ein guter Teil der dafür notwendigen Dienstleistungen ist ja vorhanden, wie Optiker, Hörgeräteakustiker, Friseure, Physiotherapeuten, eine sehr gute Bäckerei und mit Edeka – noch! – ein naher Einkaufsstandort. Gezielt ansiedeln sollten wir ein Café, beziehungsweise eine Eisdiele mit einem ansprechenden Außenbereich, ebenso Gastronomie. Und warum nicht auch einen kleinen Laden für regionale, frische Produkte? Die Stadt könnte hier steuernd eingreifen, indem sie zum Beispiel junge Unternehmer in den Anfangsjahren unterstützt.

Insgesamt müssen wir die Menschen zum Verweilen einladen, Wilhelmstraße wie Marktplatz sollten Begegnungsorte werden. Es spricht übrigens auch nichts dagegen, Spielmöglichkeiten von Großfigurenschach für Ältere bis zu Klettergeräten für Kleinere in einer Fußgängerzone zu integrieren.

Mit einiger Anstrengung könnte die Wilehlmstraße schnell zu einer anziehenden Begegnungs- und Verweilzone werden – es geht um Aufenthaltsqualität. Dazu gehört vor allem im Sommer Beschattung durch Grün, eventuell Verdunstungsflächen und – ganz wichtig in einer Innenstadt der Zukunft – die Fähigkeit, Wasser zu speichern. Im Sommer bekommen Sie in der Fußgängerzone einen Hitzeschlag. Geschickte Begrünung durch Bäume und Büsche, auch von Fassaden und Dachflächen, senkt die Innenstadttemperatur um runde 5 Grad. Die Fassadentemperatur kann in der Sonne bis zu 60 Grad betragen, eine begrünte Fassade ist 30 Grad kühler. Das Klima der Wilhelmstraße könnte durch Verdunstungsflächen weiter wesentlich verbessert werden. Andere Städte sind da bereits am Gestalten und Umbauen.

Warum sollten wir nicht in der Mitte der Wilhelmstraße einen Wasserlauf integrieren, der die ursprüngliche Oder samt des Bruchs von vor 1750 abbildet, als Wriezen noch eine Fischereistadt war? Der Lauf braucht ja nur wenige Zentimeter tief sein. Über breite und barrierefreie Brücken könnte man diese „Landschaft“ von oben betrachten. Das würde für das Tor zum Oderbruch, das Wriezen ja ist, eine touristische Attraktion. Gleichzeitig hätten wir die notwendige Verdunstung. Hinzu kommt die Möglichkeit, Fläche zu entsiegeln und z.B. Regenwasser wieder versickern zu lassen und zu speichern.

Das ist nur eine hingeworfene Idee, wir könnten aber einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung von Markt und Wilhelmstraße ins Leben rufen.

Aus unserer Sicht lohnt es sich in jedem Fall, sich erst einmal solche Gedanken zu machen, statt fantasielos wieder Autoverkehr in die Wilhelmstraße zu leiten.

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